Ort: Mayrhofen

Das Stille Nacht Jubiläum


Stille Nacht ist historisch betrachtet kein ‚Tiroler Volkslied’ im klassischen Sinne, aber es erzählt die Geschichte Tirols als Ort kreativer Verschmelzung, unbeirrbaren Mutes und einer Reiselust, die keine Grenzen kennt, wie kaum ein anderes Tiroler Lied.


Mit über 40 Millionen Nächtigungen im Jahr 2016 ist Tirol als das Tourismusland im alpenländischen Raum bekannt. Da fällt es fast schwer sich vorzustellen, dass es einmal eine Zeit gab, in der Tirol nicht be- sondern nur durchreist wurde und die Tiroler selbst in fremde Länder fuhren. Ebenso schwer vorzustellen ist es, dass das berühmteste Weihnachtslied der Welt – Stille Nacht, heilige Nacht – wohl ohne einer dieser reisenden Tiroler Sängerfamilien heute nicht auf der ganzen Welt gesungen werden würde.

Es ist bekannt, dass das Lied im Salzburgerischen Oberndorf vom Hilfspfarrer Joseph Mohr gedichtet, vom Dorflehrer und Organisten Franz Xaver Gruber vertont, und aufgrund einer kaputten Orgel am Heiligen Abend 1818 mit Gitarrenbegleitung gesungen wurde. Es wird allerdings kaum erwähnt, dass dieser notdürftigen Entstehungsgeschichte eine spektakuläre Verbreitungsgeschichte folgt. Diese Geschichte ist eine ganz und gar tirolerische.

Als nämlich der Zillertaler Orgelbauer Karl Mauracher nach Oberndorf reiste, reparierte er dort nicht nur die kaputte Orgel, sondern kopierte auch Melodie und Text der Stillen Nacht und gab sie den Rainersängern; einer begnadeten Fügener Sängerfamilie. Sie nahmen das Lied in ihr Repertoire auf und trugen es 1822 hinter verschlossenen Vorhängen – so sagt die Legende –  Kaiser Franz I. und Zar Alexander I. im Schloss zu Fügen vor. Es folgte unmittelbar eine Einladung an den Zarenhof nach Russland, weitere Einladungen – beispielsweise an das britische Königshaus – folgten. So tourten die Zillertaler Rainersänger mit Stille Nacht bereits um die Welt, als das Lied in Salzburg noch immer verboten war. Aus den ursprünglichen sechs Strophen machten die Rainersänger drei (aufgrund des protestantischen Deutschlands wurden die Marienstrophen ausgelassen) und das Lied war bald als ‚Tiroler Volkslied’ bekannt. 1839, hundert Jahre bevor die bis heute berühmteste österreichische singende Familie, die Trapp-Familie, auf Amerika-Tournee ging, reiste Ludwig Rainer mit seinen Sängern und Stille Nacht nach Amerika. Das Lied war nach Anfangsschwierigkeiten ein echter Schlager in den USA. Und der charakteristische vierstimmige Gesang aus Tirol beeinflusst bis heute die amerikanische Country- und Barbershop-Musik.

Diese außergewöhnliche Geschichte über Musikproduktion und beginnenden Tourismus, über Unabhängigkeitswünsche und neue Abhängigkeiten bringt der Autor Hakon Hirzenberger auf die Bühne des Kulturfestivals SteudlTenn im Zillertal. Das Lied ‚Stille Nacht’ wäre ohne das Zutun wagemutiger Tiroler Künstler und Handwerker wahrscheinlich nicht in über 45 Sprachen übersetzt und immaterielles UNESCO Weltkulturerbe. Eine Geschichte welche nicht nur die Markenwerte Tirols – mutig, stark, eigenwillig, echt und verbunden in jeder Phase repräsentiert, sondern auch die Authentizität und das Wesen der Tiroler verkörpert.

Und so wird die Geschichte der Verbreitung der Stillen Nacht durch das Festival SteudlTenn und ihr Stück Die Stillen Nächte des Ludwig Rainer erneut in die Welt getragen. Ab Juli 2017 wird das Stück wieder aufgenommen, um die Geschichte in die Köpfe der Menschen zu bringen und auf das Jubiläumsjahr 2018 vorzubereiten.

Inhaltlich zeigt es die Entwicklung einer Marke ‚Tirol’, einer Verdinglichung alpiner Musik und Tracht, und einer Verhärtung kultureller Besonderheiten durch Kommerzialisierung. Im 19. Jahrhundert, in der Welt und Zeit des Ludwig Rainer, wurde die Basis für das Geschäft mit den Bergen und allem ‚Bergischen’ gelegt. Selbst Andreas Hofer hat im david’schen Kampf gegen Napoleon dazu beigetragen eine gewisse Tiroler Identität international bekannt zu machen.“, Stimmen aus der Literaturwissenschaft von Eva-Maria Müller.